Bauen und Wohnen

Kongress "Stadt der Zukunft"

Alles dreht sich um urbanes Leben in Zeiten des Klimawandels und wie eine klimagerechte und lebensfreundliche Stadt der Zukunft aussehen kann: Zum Kongress „Stadt der Zukunft“ sind auf Einladung der Grünen-Fraktion mehr als 100 Besucherinnen und Besucher in den Landtag gekommen.  

Die Veranstaltung befasst sich hauptsächlich mit folgenden Fragen:

  • Wie sorgen wir für eine nachhaltige und menschenfreundliche Stadtentwicklung?
  • Welche Visionen einer lebenswerten Stadt in Zeiten des Klimawandels haben wir?
  • Wie können Architektur und Stadtplanung dazu beitragen?
  • Welche Best-Practice-Beispiele gibt es? 
  • Wie sehen nachhaltige Mobilitätskonzepte aus?

Die Architektin Birgitte Bundesen Svarre erläutert anhand der Entwicklung Kopenhagens, wie der Wandel einer Metropole zur Fahrradhauptstadt gelingen kann. Unter anderem hat die dänische Stadtverwaltung verschiedene Fahrstreifen für Fußgänger, Fahrradfahrer und Autofahrer eingerichtet, um so dem Radverkehr Vorrang zu verschaffen. Parallel dazu hat sich die Länge der Fahrradwege in Kopenhagen über rund 30 Jahren fast verdreifacht. „60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Kopenhagens sind heute der Meinung, dass sie mit dem Fahrrad schneller, einfacher und bequemer zur Arbeit oder zur Schule kommen“, sagt Bundesen Svarre.

Auch an Fußgängerinnen und Fußgänger haben die Dänen beim Umbau ihres Mobilitätskonzepts gedacht: So wurde eine vielbefahrene Hauptstraße für den Autoverkehr geschlossen, um mehr Platz im öffentlichen Raum zu schaffen. „Es wurde lange Zeit behauptet, der Einzelhandel würde kollabieren, wenn eine solche Pulsader für Fahrzeuge abgeriegelt wird. Genau das Gegenteil war der Fall. Den Geschäften geht es prächtig und der Bevölkerung steht nun mehr Raum zur Verfügung, um sich frei zu bewegen, in Cafés zu gehen oder einzukaufen.“

Britta Weißer ist Raumplanerin an der Universität Stuttgart. Sie beschäftigt sich mit Städteplanung im Zeichen des Klimawandels. Die Wissenschaftlerin forscht, wie sich Städte vor Überflutungen schützen, Hitze minimieren, Wasser besser speichern und für mehr Schatten sorgen können.

Große Herausforderungen für Luftschneisen und städtebauliche Spielräume seien versperrte Rettungsgassen, Parkplätze und zu dichtgebaute Gebäude, sagt Weißer. Aus der Sicht vieler Städten seien Maßnahmen, die negative Auswirkungen im Alltag für Bürgerinnen und Bürger erträglicher machten, automatisch „Klimaschutz“ – dabei seien diese eher als „Klimaanpassungen“ zu bezeichnen. Städte müssten mehr Einsatz zeigen, um wirklich gegen den Klimawandel vorzugehen. „Klimawandel ist heute schon in Städten sichtbar“, sagt sie.

Prof. Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner an der TU Wien, ist einer der führenden Köpfe bei der ökologischen Umgestaltung der österreichischen Hauptstadt. Seine Philosophie in einem Satz: „Das stadterhaltende Element ist der Mensch“. Heißt: Die Bürgerinnen und Bürger könnten ihre Stadt so gestalten, dass sie ihren Vorstellungen entspricht.

Im Mittelpunkt seiner Kritik steht die autofokussierte Stadtplanung. „Es bringt nichts, wenn wir Straßen bauen, die um die Stadt herumführen“, sagt Knoflacher. Eine Ringstraße sei nur eine „Übergangstherapie“. Mehr Sinn machten temporäre Abstellplätze für Autos außerhalb der Stadt, da sie nur ein Bruchteil an Kosten im Vergleich zum Straßenbau verursachten.

Kirsten Jahn aus Köln stellt ein Best-Practice-Beispiel bei der Städteplanung anhand des Stadtteil Nippes vor: „Stellwerk 60“ gilt als die größte autofreie Siedlung in Deutschland – wenngleich das ein oder andere Auto doch durch den Bezirk rollt. Wer dort wohnt, verpflichtet sich vertraglich dazu kein Fahrzeug zu besitzen.

Ursprünglich entstanden ist dieses einmalige Quartier mit 435 Wohneinheiten aus bürgerschaftlichem Engagement, sagt die Geschäftsführerin der Metropolregion Rheinland. „Voraussetzungen für eine autofreie Siedlung sind eine gute ÖPNV-Anbindung, Carsharing-Angebote, eine ausgebaute Fußgängerzone, außerhalb gebaute Parkhäuser und das Bewusstsein, dass wirksamer Klimaschutz und Mobilität kein Widerspruch sind“, sagt sie.  Jahn gibt außerdem zu bedenken, dass „E-Autos immer noch Autos sind, nur mit anderem Antrieb.“ Selbst wenn Autos keine Abgase erzeugen, würden sie viel Platz wegnehmen, sagt sie.

Die Bilanz des Kongress-Organisators und Grünen-Abgeordneten Jürgen Walter: „Ein toller, informativer und inspirierender Tag. Es gab viele spannende Diskussionen mit unterschiedlichen Referentinnen und Referenten und einem breit interessierten Publikum", sagt er. "Der Klimawandel ist in den Städten angekommen. Weltweit machen Städte wie New York, Moskau oder Montreal vor, wie wir dem entgegentreten können. Es gibt die Gegenmaßnahmen – wir müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern sie bei uns in Deutschland und Baden-Württemberg umsetzen.“

Susanne Bay, Grüne Sprecherin für Bauen und Wohnen stimmt zu: „Wir hatten vier super informative, hochkarätige Vorträge: Ich fand es spannend, wie die Referent*innen ihre Themen greifbar machten. Man konnte spüren, dass sie für ihre Sache brennen. Ich glaube, es ist auf dem Kongress gelungen, den Gästen Impulse für ganz konkretes Handeln in ihrem jeweiligen Umfeld mitzugeben. Die positiven Rückmeldungen, auch schriftliche, zeigen, dass wir mit Veranstaltungen, in denen wir Praktiker*innen zu Wort kommen lassen, die Menschen für Grüne Ideen begeistern können.“ Bay betont: „Der Blick über den Tellerrand lohnt sich – das hat sich auf dem Kongress wieder bestätigt. Und unser Anspruch, vom Menschen her zu denken, lohnt jeden Einsatz – auch das wurde in den Gesprächen rund um den Kongress deutlich.“