Landtag Baden-Württemberg
Hochschule | 19.03.2008

Vom Masterplan zum Desasterplan

Pressekonferenz zur Situation an den Hochschulen in Baden-Württemberg

Vom Masterplan zum Desasterplan

                                                                                              


 

 

 

 

Warum nicht mehr, sondern immer weniger an den Universitäten studieren

Mit Theresia Bauer, hochschulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag

am Mittwoch 19. März 2008

 

 

Was läuft schief in Baden-Württemberg?

Vom Bund erreichen uns erste Erfolgsmeldungen: Die Zahl der Studienanfänger steigt wieder. Das Plus von 4% bundesweit gilt als Beleg dafür, dass der Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern zur Schaffung von 90.000 zusätzlichen Studienplätzen greift.

Nicht so in Baden-Württemberg: Hier kommt trotz Hochschulpakt und "Masterplan 2012" der Ausbau nicht voran. Im Gegenteil, die Zahlen gehen zurück. Baden-Württemberg liegt mit 2,2% Rückgang bei den Studienanfängerzahlen im Bundesländervergleich an vorletzter Stelle.

 

Was läuft schief im Land und was sind die Ursachen dafür? Um diese Fragen zu klären, haben die Grünen im Landtag eine Große Anfrage gestellt. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse sind alarmierend. Sie belegen: Wenn nicht umgehend politisch gegen gesteuert wird, dann können immer mehr junge Menschen nicht studieren, obwohl sie es eigentlich wollen. Das Versprechen, jedem Studierwilligen einen Studienplatz zu geben, wird schon heute nicht mehr erfüllt.

 

Masterplan klein gerechnet

Von Beginn an war der Masterplan zu eng angelegt. Die Zahlen waren schon beim Start 2006 klein gerechnet: Wäre bei den Berechnungen statt der angenommenen Studierquote von 75% die reale Studierquote von 80% zugrunde gelegt worden, wäre man zu dem – realistischen - Bedarf von 20.000 zusätzlichen Studienplätzen gekommen. Jetzt erleben wir stattdessen, wie Stück für Stück die Studierquote sinkt, weil nicht genügend Chancen auf einen Studienplatz vorhanden sind. 

 

Erste Bilanz von Masterplan und Hochschulpakt in Baden-Württemberg

 

     

  1. Der Ausbau kommt nicht voran

  2.  

Seit 2003 steigt im Land von Jahr zu Jahr die Zahl der Studienberechtigten (+ 18%). Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Studienanfänger in Baden-Württemberg um 8 % gesunken. Nötig wäre es, dass die Zahl der Studienanfängerplätze mit dem Wachstumstrend bei den Abiturienten zumindest Schritt hält. Stattdessen geht die Schere auf. Der Masterplan 2012 sollte die Trendwende bringen – die Zahlen belegen aber: Der negative Trend setzt sich fort.

 

(Schaubild1:  Masterplan und Hochschulpakt: Wunsch und Wirklichkeit)

Im Vergleich zum Ausgangsjahr 2005 konnten 2007 im Land 1.179 weniger Menschen ein Studium aufnehmen. Angestrebt war laut Masterplan, bis 2008 knapp 4.000 Studienplätze zusätzlich anzubieten – im Saldo fehlen also über 5.000 Anfängerplätze. Im Rahmen des Hochschulpaktes hatte die Landesregierung zugesagt, dass bis 2007 2.200 mehr Menschen ein Studium im Land aufnehmen können. Das bezuschusste der Bund als "Vorschuss" im vergangenen Jahr schon mit 4,6 Mio. Euro. Die tatsächlichen Zahlen bleiben um 4.660 hinter dem Ziel zurück. Das Geld ist verloren. Zu bezweifeln ist, ob Baden-Württemberg das selbst gesteckte Ziel 2008 erreicht (+ 2000), dazu müssten in diesem Jahr 6.700 zusätzliche Studienanfänger aufgenommen werden. Der für 2008 gewährte Bundeszuschuss von 13,5 Mio. Euro steht damit ebenfalls auf dem Spiel.

 

 

 

     

  1. Die einen wachsen, die anderen schrumpfen

  2.  

Die einzelnen Hochschulen entwickeln sich unterschiedlich. Die Fachhochschulen und Berufsakademien bieten mehr Studienplätze, während die Universitäten den entgegengesetzten Weg gehen. Deren Schrumpfkurs wirkt sich jedoch weitaus mehr aus als das Wachstum der anderen Hochschularten. Bezeichnend ist, dass in dieser Situation die privaten Hochschulen erstmals signifikant zulegen können. Der Grund für diese "Bewegung zu den Privaten" ist offensichtlich: Das staatliche Hochschulwesen erhöht seine Kapazitäten nicht ausreichend.

 

(Schaubild 2: Studienplatzabbau nach Universitäten)

Doch auch die Situation an den Universitäten selbst ergibt kein einheitliches Bild, denn sie verfolgen offenkundig unterschiedliche "Strategien". Das zeigt die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre: Studienplätze wurden vor allem von Heidelberg, Stuttgart, Freiburg und Mannheim abgebaut. Moderater geschrumpft sind Tübingen und Konstanz, während Ulm, Karlsruhe und Hohenheim ihre Anfängerplätze nicht reduzierten oder leicht ausweiteten.

Das in den Universitäten seit 2003 abgebaute Gesamtvolumen an Anfängerplätzen hat ein enormes Ausmaß:  Das verloren gegangene Aufnahmepotenzial entspricht in etwa dem, was die Universitäten Freiburg und Stuttgart zusammen im Jahr 2007 an Anfängern zugelassen haben.

 

 

 

 

     

  1. Wirtschafts- und Sozialwissenschaften bluten am stärksten aus – Ziel bei Ingenieurwissenschaften verfehlt

  2.  

(Schaubild 3: Studienanfänger nach Fächergruppen)

Nach Fächergruppen verteilt zeigt sich, dass die Universitäten insbesondere die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zurückbauen: 46% der abgebauten Anfängerplätze entfallen darauf. Die zweitgrößten Verluste gibt es im Bereich der Sprach- und Kulturwissenschaften (29%). Relevant zurückgebaut wurden aber auch Mathematik und Naturwissenschaften (12%) und die Ingenieurwissenschaften (10%) Das widerspricht explizit den Zielen des Masterplans! Geringe Zuwächse konnten lediglich die Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften sowie die Humanmedizin/ Gesundheitswissenschaften verzeichnen.

 

Der Kahlschlag bei Sozial- und Geisteswissenschaften ist  kontraproduktiv: Schon der Beraterkreis "Hochschulentwicklung 2020" der Landesregierung wies zu Recht darauf hin, dass damit weibliche Studienbewerber, die nach wie vor verstärkt Studiengänge aus diesen Fächergruppen nachfragen, geringere Chancen auf einen Studienplatz haben als ihre männlichen Kollegen. Außerdem liegt der Anteil der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Deutschland im internationalen Vergleich unter dem OECD-Durchschnitt  (27% Deutschland, OECD 32%, USA 41%), ähnlich sieht es bei den Geisteswissenschaften aus (Deutschland 23%, OECD 25%, USA 28%).

 

 

 

 

 

 

 

     

  1. Die Instrumente des Studienplatzabbaus

  2.  

Das Instrumentarium, mit dem die Zahl der Studienanfänger begrenzt und reduziert werden kann, steht den Universitäten durch den Bologna-Prozess und mit den hochschuleigenen Auswahlverfahren zur Verfügung. Mit der Umstellung auf die gestuften Studiengänge wurden häufig lokale Zulassungsbeschränkungen erlassen die Hochschulen vor Ort gestalteten diese meist restriktiv. Da BA und MA mehr Lehrkapazität erfordern, wurden so – ohne formellen Kapazitätsabbau – die Zulassungen deutlich reduziert.

 

 

     

  • -         Es gibt mehr Studiengänge mit lokalem NC.
  • -         Die Zulassungszahlen sehr restriktiv gestaltet und sukzessive weiter reduziert.
  • -         Die Hochschulen schöpfen die Zulassungsgrenzen häufig nicht aus. Nur noch in wenigen Fällen wird sie überschritten. Möglicherweise spielen hier auch die lokalen Auswahlverfahren eine Rolle, insbesondere wenn sich die Zulassung zeitlich verzögert.
  • -         Eignungsfeststellungsverfahren eignen sich ebenfalls dazu ,den Hochschulzugang zu beschränken. 
  •  

 

Das Ergebnis: Während PHen und FHen voll ausgelastet sind, wird "an keiner der Universitäten eine vollständige Auslastung erreicht", so die Landesregierung in ihrer Antwort auf die Große Anfrage (S. 14).

 

(Schaubild 4)

Ein Blick in die konkreten Zahlen zeigt, wie das funktioniert. Hier nur eine kleine Auswahl an Beispielen aus Heidelberg, Stuttgart und Mannheim:

 

Landesregierung tatenlos

 

Von der Landesregierung wird diese Kürzung des Studienplatzangebotes gerne verteidigt als Notwendigkeit zur Verbesserung der Studienbedingungen. Es kann aber nicht angehen, dass der vermeintliche Zielkonflikt zwischen "Qualität" und "Quantität" so rigoros auf Kosten der Zukunftschancen der heutigen Schüler- und Abiturientengeneration ausgetragen wird.  Sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht muss mehr für bessere Hochschullehre getan werden. 

Offenkundig konterkarieren einige Universitäten mit ihren Strategien zur Beschränkung des Studienangebotes die Ziele des Ausbauplanes 2012. Ihre Instrumente zur Reduzierung sind wirksamer als die finanziellen Anreize zur Ausweitung des Studienangebotes. Diese Instrumente wurden den Hochschulen von der Landesregierung an die Hand gegeben, sie sollen künftig ein weiteres dazubekommen, die Einführung flächendeckender Aufnahmeprüfungen und -gespräche.

 

Der Wissenschaftsminister ist also keineswegs unbeteiligt an der Entwicklung, die seinen in Sonntagsreden proklamierten Zielen zuwiderläuft. Wenn montags in den Hochschulen gegenteilige Fakten geschaffen werden, stellt sich zu Recht die Frage, ob er nichts dagegen tun will oder es nicht kann.

 

Möglichkeiten zum politischen Gegensteuern gäbe es. Ein Beispiel: Das Land bewilligt die lokalen N.C. jährlich für jeden Studiengang neu. Warum eigentlich werden für wiederholt unterausgelastete Studiengänge die N.C. verlängert?

 

 

Grüne Alternativen

 

     

  1. Der rigorosen Einschränkung des Hochschulzugangs treten wir entgegen. Insbesondere muss es Konsequenzen haben, wenn ein Studiengang mit Zulassungsbeschränkung wiederholt nicht ausgelastet ist. Denkbar sind finanzielle Folgen oder das Aufheben des NC.
  2. Die Hochschulen haben sich im Solidarpakt verpflichtet, keine Studienplätze zu reduzieren. Das Land muss dafür sorgen, dass diese Verpflichtung eingehalten wird.


  3. Die zweite Tranche des Masterplan 2012 muss in ihrem Volumen nach oben korrigiert werde – und zwar um die in den vergangenen Jahren abgebauten Anfänger-Studienplätze. Das heißt: Statt der angegebenen 5000-6000 zusätzlichen Plätze sind 10.000 neue Studiermöglichkeiten zu realisieren. Im Fächerspektrum in der nächsten Aufbaustufe sind die Geistes- sowie Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften stärker zu berücksichtigen.


  4. Die bisherigen Zahlen deuten darauf hin, dass allein im Rahmen der bestehenden Hochschulen der nötige Studienplatzausbau nicht zu schaffen ist. Insbesondere die Universitäten zeigen bislang am Ausbau ihres Standortes wenig Interesse. Die bestehenden Fachhochschulen und Berufsakademien können aber den gesamten notwendigen Aufwuchs von 20.000 Anfängerplätzen durch Aufstocken und Ausweiten ihres Angebotes nicht stemmen.


    Deshalb: Wir müssen umgehend eine neue Hochschulgründung mit anderem Format, innovativem Konzept, schlanker Struktur und einer Fokussierung auf exzellente Lehre in Angriff nehmen. Die Gründung einer "Baden-Württemberg Universität" haben wir 2006 erstmals vorgeschlagen. Wir waren und sind davon überzeugt, dass der Ausbau der Studienplätze nicht allein in den alten Strukturen durch Aufstocken und Ausweiten des Bestehenden erfolgen kann, sondern mindestens ein Drittel des Ausbauvolumens (ca 7.000 Anfängerplätze) in ein innovatives Hochschulmodell fließen soll, das seinen Schwerpunkt auf Teilzeitstudiengänge, after-work-Lehrgänge und solche Studiengänge legt, die  e-learning mit konzentrierten Präsenzzeiten kombinieren. Den traditionellen Hochschulen soll damit ein neues Format zur Seite gestellt werden, das mit ihnen kooperiert und innovative Lehr- und Lernformen in den Vordergrund stellt. 

  5.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

verwandte Themendossiers

Für diesen Eintrag werden keine Kommentare mehr angenommen