Landtag Baden-Württemberg
11.11.2009

Pressegespräch mit Jürgen Walter: Kunst ohne Konzept? Was bringt die zweite Kunstkonzeption?

Kunstkonzeption II

Pressegespräch mit Jürgen Walter: Kunst ohne Konzept? Was bringt die zweite Kunstkonzeption?

Landtag von Baden-Württemberg                              Drucksache 14 / 5331

14. Wahlperiode                                                                            Eingang:  22.10.2009  16:12

                                                                                                          geändert: 23.10.2009  11:10

 

 

Große Anfrage

der Fraktion GRÜNE

 

 

StM     Weiterentwicklung der Kunstkonzeption des Landes Baden-Württemberg

MWK

KM

Wir fragen die Landesregierung:

 

 

 

I.        Ziele der Kulturpolitik des Landes

 

     

  • 1.           Welche Zielrichtungen verfolgt die Landesregierung mit der Kunstkonzeption II?
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  • 2.             Inwieweit sind die Kulturschaffenden sowie der Kunstbeirat in die Ausarbeitung der Kunstkonzeption II eingebunden?
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  • 3.           Teilt die Landesregierung die Auffassung, dass die Bedeutung der Kultur als Teil des öffentlichen Bildungsauftrags in den vergangenen 20 Jahren gestiegen ist, und falls ja, welche Konsequenzen zieht sie daraus?
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  • 4.           Welche Bereiche in der Kultur haben sich in den vergangenen 20 Jahren besonders stark entwickelt und müssen nach Auffassung der Landesregierung im Rahmen der neuen Kunstkonzeption stärker als in der derzeit noch geltenden Konzeption berücksichtigt werden?
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  • 5.           Wie möchte die Landesregierung sicherstellen, dass Popmusik, Jazz, Moderner Tanz und Neue Musik, also Kultursparten, die bisher nicht im Zentrum der Kulturpolitik stehen, besser gefördert werden?
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  • 6.           Welche Voraussetzungen müssen Kulturschaffende und -einrichtungen erfüllen, um Förderung für den laufenden Betrieb bzw. für Investitionen (z.B. Baumaßnahmen) des Landes zu erhalten?
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  • 7.           Wie stellt sich nach Auffassung der Landesregierung aktuell die Situation der Schriftsteller/innen und deren Arbeitsbedingungen im Land dar, insbesondere welche Maßnahmen plant die Regierung, um die Literaturszene im Land stärker zu fördern?
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  • 8.           Welche Maßnahmen müssen nach Auffassung der Landesregierung ergriffen werden, um neue Zielgruppen, wie beispielsweise Migranten/innen, besser zu erreichen und um die reichhaltige Kultur, die Migranten/innen mit nach Deutschland bringen, in den hiesigen Kulturstätten aufzunehmen?
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  • 9.           Wie kann nach Auffassung der Landesregierung auch in Zeiten sinkender Einnahmen sichergestellt werden, dass die Kultur finanziell entsprechend gefördert wird?
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  • 10.       Wie schätzt die Landesregierung die Entwicklung der Theater, Soziokultur, Chöre und Orchester sowie der Bildenden Künste angesichts der zu erwartenden Entwicklung der öffentlichen Haushalte ein?
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  • 11.       Welche Maßnahmen möchte die Landesregierung ergreifen, um bei den Soziokulturellen Zentren und anderen Kultureinrichtungen den so genannten "Closed Shop" wieder zu öffnen und neue Initiativen oder  Einrichtungen zukünftig in die Förderung des Landes aufzunehmen?
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  • 12.       Wie berücksichtigt die Landesregierung bei ihren kulturpolitischen Zielen die Entwicklung, dass in vielen kulturellen Bereichen eine klassische Trennung in Sparten oder Genres gar nicht mehr existiert und die Übergänge zunehmend fließend sind?
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  • 13.       Welche Rolle gedenkt die Landesregierung der Landesstiftung Baden-Württemberg vor dem Hintergrund sinkender Fördermittel für Kultur zuzugestehen?
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  • II.             Kulturelle Bildung

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  • 1.             Wie will die Landesregierung die Kooperation zwischen Schulen und Kultureinrichtungen im Hinblick auf Ausweitung der Ganztagsbetreuung an den Schulen optimieren, damit das junge Publikum an außerschulischen Aktivitäten im Kulturbereich trotz der höheren zeitlichen Belastung auch weiterhin bei Tagesveranstaltungen teilnehmen kann?
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  • 2.             Welche Maßnahmen sollten nach Auffassung der Landesregierung in der neuen Kunstkonzeption verankert sein, um Kinder und Jugendliche schon früh mit Kultur vertraut zu machen?
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  • 3.             Wie bewertet die Landesregierung das Modell "Creative Partnership" zwischen Schulen und Künstler/innen, das erfolgreich in England praktiziert wird?
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  • III.           Neue Aufgaben

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  • 1.          Denkt die Landesregierung in diesem Zusammenhang darüber nach, dem Vorbild anderer Bundesländer folgend einen Kunst- und Kulturfonds für neue Initiativen einzurichten bzw. wie möchte die Landesregierung zukünftig neue Initiativen finanziell unterstützen?
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2.      Inwieweit spielen bei der Entwicklung der Kunstkonzeption II Überlegungen eine       Rolle, aufbauend auf die Erfahrung, die das Bundesland Sachsen mit dem Säch-       sischen Kulturraumgesetz gemacht hat, die Kulturförderung neu zu regeln?

 

     

  • 2.      Teilt die Landesregierung die Auffassung, dass zur Förderung der Kultur und der kulturellen Bildung die Einrichtung eines Lehrstuhls für Kultur- und Theaterpädagogik sinnvoll wäre, und falls ja, welche Konsequenzen zieht sie daraus? 
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  • 3.      Teilt die Landesregierung die Auffassung, dass die Zersplitterung der Kunst und Kultur auf mehrere Ministerien für die Arbeit im Kulturbereich nicht förderlich ist und daher eine Zusammenlegung der Kunst- und Kulturförderung im Ministerium für Wissenschaft und Kunst sinnvoll wäre?
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  • 4.      Wie wird der zunehmenden Bedeutung von Pop und Jazz  in der Kunstkonzeption II Rechnung getragen?
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  • 5.       Welche Rolle spielen Medien- und Kreativwirtschaft in der zukünftigen Kulturförderung?
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  • 6.      Welche Maßnahmen will die Landesregierung ergreifen, um die Rolle von Wirtschaft und landeseigenen Betrieben als Kultursponsoren zu stärken und Spenden im Kulturbereich steuerlich attraktiver zu machen?
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  • 7.      Wie versteht die Landesregierung ihren Auftrag, Kultur im ländlichen Bereich zu fördern (mit Angabe, welche Rolle dabei Kulturevents und -festivals in Verbindung mit Tourismusmarketing spielen könnten)?
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  • 8.      Welche Rolle soll in den Augen der Landesregierung die Traditionskultur vor dem Hintergrund der sich wandelnden Kulturnutzung und -wahrnehmung spielen, insbesondere wie fördert die Landesregierung diese in Zukunft?
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Stuttgart, den 15.10.2009

Walter, Kretschmann und Fraktion

 

 

Begründung:

 

"Eine kunstpolitische Konzeption kann und darf kein Dogma sein, weil Kunst das Gegenteil von Dogmatismus ist. Jede kulturpolitische Standortbestimmung muss das gesellschaftspolitische Umfeld und die zeithistorischen Bezüge reflektieren, um die Interessen und Bedürfnisse der Menschen zutreffend erfassen zu können."  So leitet ein Text in die Kunstkonzeption des Landes aus dem Jahre 1990 ein, und damit haben die Verfasser auch den Rahmen für deren Fortschreibung beschrieben.

 

Kultur und Kulturförderung soll im Land Baden-Württemberg neu definiert werden. Kultur ist das Bindemittel, das unsere Gesellschaft zusammenhält und gerade in Krisenzeiten Sinn stiftet – daher sollte die Politik die Förderung von Kultur als Zukunftsaufgabe verstehen. Dazu gehört auch, dass sich die Kulturpolitik neuen Fragen stellt und dass sie gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigt, ja mehr noch, dass sie dies in ihrer konzeptionellen Weiterentwicklung als zentrale Aufgabe versteht. Eine Weiterentwicklung der Kunstkonzeption ist nach 19 Jahren dringend geboten. Hingewiesen werden sollte an dieser Stelle auf den missverständlichen Begriff, handelt es sich doch in Wahrheit nicht um eine Kunst-, sondern um eine Kulturkonzeption.

 

Kulturpolitik darf dabei keinesfalls als Dienstleistung missverstanden werden, denn Kultur heißt nicht Strukturen pflegen und funktioniert auch nicht nach marktwirtschaftlichen Regeln. Kulturschaffende können erst dann Kreativität und eine gesellschaftliche  Kraft entwickeln, wenn sie sich frei von Regularien und Vorschriften bewegen dürfen.

 

Selbstverständlich sollte dabei sein, dass Spielarten der Kultur, wie z.B. Popmusik, Jazz, Moderner Tanz und Slam Poetry, die bislang nicht im Mittelpunkt der Kulturförderung stehen, mehr berücksichtigt werden. Kultur kann auch einen sehr wichtigen Beitrag zur Integration von Einwanderern übernehmen. Daher sollte es eine zentrale Aufgabe der künftigen Kunstpolitik des Landes sein, Migranten verstärkt anzusprechen und einzubinden.

 

Der Medien- und Kreativwirtschaft wurde bislang in der Kulturpolitik kaum Beachtung geschenkt, was durch den kulturwirtschaftlichen Aderlass der vergangenen Jahre eindrücklich bewiesen wurde. Ausbildungsstätten des Landes im Kreativbereich wie die Pop-Akademie in Mannheim oder die Film- und Theaterakademien in Ludwigsburg bilden hochkarätige Fachleute aus, die mangels beruflicher Perspektive das Bundesland schnell wieder verlassen. Selbstverständlich kann man in Baden-Württemberg nicht ausschließlich für das Land Nachwuchs ausbilden, zumal man bspw. mit der Filmakademie eine Ausbildungsstätte von internationalem Rang hat. Trotzdem sollten verstärkt Anstrengungen unternommen werden, Baden-Württemberg auch zu einem "Produktionsland" zu machen. Angesichts der sich abzeichnenden Entwicklung, dass die Automobilindustrie in absehbarer Zeit nicht mehr die "Leitindustrie" sein wird, ist es notwendig, sich im Zuge des Strukturwandels neu auszurichten. Die Kultur- und Filmbranche bietet sich als wichtiges Standbein an.

 

Sehr bedenklich ist, dass Baden-Württemberg über keinen eigenen Lehrstuhl für Kulturpädagogik verfügt. Andere Bundesländer, wie z.B.  Niedersachsen mit der Universität Hildesheim und deren Schwerpunkt der kulturwissenschaftlichen Studien sind uns dabei um Längen voraus. Kulturrelevante Studiengänge an den Universitäten können eine nachhaltige Wirkung entfalten.

 

Ein innovativer Weg der Kulturförderung ist das "Sächsische Kulturraumgesetz" von 1994, das die Kulturpflege im Land strukturiert. Hier profitieren ländliche Gemeinden von der Kulturinfrastruktur der urbanen Gemeinden, was  sich auch in den Finanzierungsmodellen niederschlägt. Das sehen wir als Modell auch für das Flächenland Baden-Württemberg, wo dem ländlichen Raum mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden  muss – als Partizipator der Kultur und als Anbieter. Grundlage für zukünftige Kulturpolitik muss in jedem Fall die Evaluation der Kulturförderung sein mit dem Ziel, objektive und nachvollziehbare Kriterien für die Förderung zu entwickeln.

 

Kulturförderung des Landes muss mehr sein als Richtlinien zu formulieren, Komplementärmittel auszuschütten und "Closed Shops" geschlossen zu halten. Sie muss als Chance verstanden werden, sich mit handelnden Kreativen und den durch sie ausgelösten Prozessen auseinanderzusetzen, um der Dynamik im kulturellen Leben gerecht zu werden. All diese Gesichtspunkte sind für die Fortentwicklung der Kunstkonzeption unerlässlich.

 

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