Landtag Baden-Württemberg
10.09.2009

Mit dem Plan B(achelor) ins Jahr 2012

Baden-Württemberg zum Vorreiterland für eine gelungene Bologna-Reform machen

Mit dem Plan B(achelor) ins Jahr 2012

Der Bachelor – von einer "Erfolgsstory" noch weit entfernt

Die erste Stufe der Bologna-Reform – die Einführung der neuen gestuften Studienabschlüsse bis zum Jahr 2010 – ist in Baden-Württemberg  weitgehend abgeschlossen: Circa 72% aller Studiengänge schließen nun mit Bachelor oder Master ab (sämtliche Staatsexamensstudiengänge bleiben jedoch außen vor – ausgerechnet der Staat macht sich Bologna für sich nicht zu eigen!). Dabei ist eine unüberschaubare Vielzahl von Bachelor-Studiengängen im Land gewachsen: In Baden-Württemberg gibt es 912 BA-Studienangebote, hinzu kommen noch einmal 605 MA-Studiengänge (Stand Mai 2009). Wer soll sich einen auch nur annähernden Überblick darüber verschaffen?

 

Die Umstellung auf die neuen Studienabschlüsse wurde insbesondere in den Universitäten erst auf den letzten Drücker vollzogen. Von positiven Beispielen einmal abgesehen, die es insbesondere an Fachhochschulen gibt, blieb die Umstellung vielerorts im Wesentlichen formaler Art. Der Geist der Bologna-Reform wurde nicht verwirklicht. Jetzt zeigt sich, dass die gewünschten Qualitätsverbesserungen  und inhaltlichen Reformen in den neuen Studiengängen noch ausstehen. Nicht selten wurden die alten Studienprogramme von acht Semestern lediglich in einem sechssemestrigen Bachelor gepresst. Modularisierung wurde übersetzt mit der Einführung von dauerhaftem Klausurenstress und mehr Präsenzveranstaltungen. In kleinteilig vorgeschriebenen und hoch spezialisierten Studieninhalte wurde die zu bewältigende Stofffülle erhöht und Flexibilität, Wahlmöglichkeiten und Mobilität für Studierende erschwert. Selbst die gewünschte Senkung der Studienabbrecherquote stellte sich nicht ein:M it 30% im Durchschnitt fällt sie In BA-Studiengängen höher als in anderen Studiengängen aus.

 

Dennoch: Von der Hochschulrektorenkonferenz und von den Wissenschaftsministern, allen voran Frankenberg und Schavan, wurden die Bachelor-Studiengänge als "Erfolgsstory" verkauft. Allenfalls  ein paar Startschwierigkeiten, die der Feinjustierung bedürfen, und fehlende Informationen bei Arbeitgebern und Studierenden räumte man als Schwachpunkte ein – vermeintlich ganz gewöhnliche Übergangsprobleme und kein Grund zum Nörgeln.

 

Es waren die Studierenden, die mit ihren bundesweiten Protesten im Sommersemester dafür gesorgt haben, dass der Wind sich gedreht hat. Seither  kommen die realen Zustände in den Blick: Die vielen Schwachstellen und Defizite bei der Einführung der neuen Bachelor-Studiengänge lassen sich nicht mehr ignorieren. Es waren die Studierenden, die klar gemacht haben, dass sie so nicht studieren wollen. Hochschullehrerinnen und -lehrer, selbst  die Arbeitgeberseite, haben sie unterstützt, denn auch sie sind oft unzufrieden sind mit den bisherigen Ergebnissen der Studienreform – und das zu Recht!

 

Wer ist schuld? Wer übernimmt Verantwortung?

Zuständig für die Beseitigung von Schwierigkeiten, wie sie der Wissenschaftsminister mittlerweile einräumt, seien die Hochschulen selbst. Denn die Hochschulen selbst sind verantwortlich für die Umsetzung der Reform, für die Konzipierung der neuen Studiengänge, für die Festlegung der Dauer des Bachelor-Studiums, für die drangvolle Enge in Prüfungsordnungen und Modulhandbüchern. Die Hochschulen selbst sind zuständig für die Sicherung der Qualität, deshalb sind sie gesetzlich zur Akkreditierung der Studiengänge verpflichtet.

Aber was, wenn die Akkreditierung nicht voran kommt (12 Prozent der Uni-Bachelor, die akkreditiert sind). Oder wenn Akkreditierungsagenturen selbst ins Kreuzfeuer der Kritik geraten wegen Kleinkrämerei, Bürokratie und unvertretbaren Kosten?

 

Verantwortlich für gute Bildung ist und bleibt die Politik. Deshalb darf der Wissenschaftsminister nicht länger abwarten und sich damit zufrieden geben, darauf zu hoffen, dass vermeintliche "Geburtsfehler" bei der Umstellung auf die neuen Abschlüsse sich mit der Zeit "auswachsen" mögen. Denn es darf nicht passieren, dass die Bologna-Reform mit ihren richtigen Zielen an der schlechten Umsetzung vor Ort scheitert. Und es darf nicht passieren, dass Generationen von Studierenden zu Opfern mangelnder Studienbedingungen und schlecht durchdachter Studiengänge werden.

 

Den Bachelor reformieren: der Plan B(achelor) 2012

Die Grüne Landtagsfraktion fordert deshalb:

Baden-Württemberg wird zum Vorreiterland für eine gelungene Bologna-Reform, mit dem Ziel, die Studiengänge inhaltlich qualitativ zu verbessern und sich an den Studierenden auszurichten.

 

An diesem Prozess sollen in den Hochschulen als "lernende Organisation" alle Hochschulangehörigen mitwirken, insbesondere die Studierenden als Betroffene und Experten in eigener Sache sind wirksam und verlässlich zu beteiligen.

 

Konkret heißt das: Der Wissenschaftsminister initiiert den Plan B(achelor) 2012, er moderiert ihn landesweit und sorgt dafür, dass nach drei Jahren konkrete Ergebnisse umgesetzt wurden

     

  • -         durch die Einrichtung einer Bachelor-Konferenz, die für landesweites Monitoring, für den Austausch unter den Hochschulen und die nötige Öffentlichkeit sorgt und Qualitätsstandards entwickelt;
  • -         durch eine externe Evaluation, die die hochschulinternen Bewertungsprozesse ergänzen und Vergleichsmaßstäbe liefern;
  • -         durch den Abschluss von Zielvereinbarungen mit jeder Hochschule, um die Weiterentwicklung der Bachelor-Studiengänge in den Hochschulen konkret zu vereinbaren;
  • -         durch ein neues Modell der leistungsorientierten Mittelverteilung (LOM), das klare Anreize für die Aufnahme von Studienanfängern und mehr internationale Mobilität, sowie gegen Studienabbruch enthält. Es dürfen keine finanziellen Anreize geschaffen werden, die den sechssemestrigen Bachelor im Vergleich einem sieben- oder achtsemestrigen Bachelor attraktiver machen;
  • -         durch eine baden-württembergische Initiative in der KMK, um die starre Grenze von zehn Semestern für BA und MA aufzuheben und die Studienfinanzierung zu verbessern.
  •  

Mit dem Plan B(achelor) 2012 erreichen die Bachelor-Studiengänge in Baden-Württemberg eine neue Qualitätsstufe. Die Hochschulstandorte in Baden-Württemberg erbringen in drei Jahren den Beleg, dass die Bologna-Reform mehr Qualität ins Studium bringt und Studierende in den Mittelpunkt stellt.

 

So machen wir Baden-Württemberg zum Vorreiterland für eine gelungene Bologna-Reform.

 

 

Folgende Aspekte sind bei der Bilanzierung und Weiterentwicklung der Bachelor-Studiengänge besonders zu berücksichtigen:

 

     

  • -         Studienreformziele  "citizenship" und "employability" umsetzen:  Ist das Studium geeignet zur  Beschäftigungsbefähigung sowie zur Befähigung zu gesellschaftlicher Teilhabe? Werden Studierende in die Lage versetzt, sich in einem schnell wandelnden Arbeitsmarkt langfristig auf Grundlage von wissenschaftlicher Fach- und von Persönlichkeitsbildung immer wieder neu zu orientieren, sich auf Unbekanntes einzulassen, und werden sie darauf vorbereitet, als verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger  in einer demokratischen Gesellschaft aktiv zu sein?
  • -         Mobilität und Transparenz stärken: Sind Mobilitätsfenster vorgesehen für Auslandsaufenthalte oder integrierte Auslandssemester? Werden im Ausland erworbene Kenntnisse anerkannt? Sind Studienzeugnisse (Diploma Supplement) aussagekräftig? Werden sie automatisch und kostenfrei zugestellt? Gibt es ausreichend Studienangebote in englischer Sprache?
  • -         Studierbarkeit und Attraktivität des Bachelor-Studiums verbessern: Können die Curricula weniger dicht konzipiert und mit weniger hohem Prüfungsaufwand sinnvoll gestaltet werden? Sind alternative Formen der Leistungsmessung, neben der schriftlichen Klausur vorgesehen? Können Lehr-, Lern- und Prüfungsformen stärker koordiniert und besser aufeinander abgestimmt werden? Ist der kalkulierte "workload" (Zeitaufwand pro ECTS) realistisch? Welche Probleme bei der Kombinierbarkeit von Studienfächern und beim Zugang zu Lehrveranstaltungen sind auszuräumen? Gibt es Möglichkeiten zum Teilzeitstudium und zum interdisziplinären Studium? Ist das Verhältnis von Pflicht- und Wahlmodulen angemessen? Kann der Start ins Studium verbessert werden durch studium generale oder eine Studieneingangsphase, in der die Noten nicht für die Abschlussnote angerechnet werden? Gibt es ausreichend Raum zum Selbststudium und Angebote für e-learning?
  • -         Regelstudienzeiten flexibler handhaben: Der BA muss nicht sechs Semester dauern, je nach Studiengang kann er auch auf sieben oder acht Semester ausgelegt sein.
  • -         Unübersichtlichkeit im Studienangebot reduzieren:  Die Spezialisierung und Kleinteiligkeit muss abgebaut und Studiengänge fakultätsübergreifend konzipiert werden, indem mehr generalistische, interdisziplinärer, an Vielseitigkeit orientiert Elemente integriert werden.
  •  

 

verwandte Themendossiers

Für diesen Eintrag werden keine Kommentare mehr angenommen