Landtag Baden-Württemberg
14.07.2008

Von der Mär des Atoms

Atomkraft - unsicher, teuer, rückwärtsgewandt

Von der Mär des Atoms

Die Atomlüge

Das passt Atom-Kanzlerin Merkel und ihrer CDU so richtig in den Kram. Die G8-Staaten verklären die Atomkraft als unverzichtbar – des Klimas wegen. Jetzt will die CDU im Verbund mit der Atomlobby Deutschland ebenfalls wieder auf Atomkurs bringen. Und auch die SPD beginnt zu wackeln. Doch die Atom-Kampagne basiert auf Tricks und dreisten Lügen. Atomkraft ist und bleibt ein ökologisch und sozial nicht zu verantwortender Irrweg.

Atom-Renaissance ist ein Mythos

Nicht mehr AKWs, sondern nur mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien können das Klima retten. Entsprechend ist Deutschland beim Klimaschutz in der internationalen Staatengemeinschaft auch nicht isoliert, sondern - ganz im Gegenteil - extrem gefragt, da wir z. B. mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz ein weltweit kopiertes Modell zur Förderung von Strom aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse eingeführt haben.

Atomkraft ist dagegen, allen Versprechungen der Atomlobby zum Trotz, ein Auslaufmodell. Ohnehin haben nur die wenigsten Staaten der Welt Atomreaktoren. Und das ist - Stichwort: Nordkorea, Iran, Pakistan - auch gut so. Die weltweit 439 Atomreaktoren nur etwa 2,5% des globalen Endenergiebedarfs. Zudem werden aus Altersgründen bis 2015 voraussichtlich 90 AKWs, bis 2025 weitere 192 stillgelegt. Dem stehen zurzeit 34 Neubauvorhaben gegenüber, 10 davon sind allerdings Bauruinen, die bereits vor mehr als 20 Jahren begonnen wurden. Die Renaissance der Atomkraft findet also bislang lediglich in vollmundigen Ankündigungen atomgläubiger Regierungen statt. Selbst wenn sie realisiert würden, bliebe die Atomkraft für die globale Energieversorgung eine Marginalie. 

AKWs schützen das Klima nicht

Dass der scheidende US-Präsident George W. Bush doch noch sein Herz für den Klimaschutz entdeckt haben soll, mag man als späte Einsicht werten. Doch wie so häufig hat er auch hier seine ganz eigene Logik, wenn er Atomkraftwerke als "erneuerbar" und "CO2-frei"  und den Willen zum AKW-Ausbau als "Lackmustest für den Klimaschutz" bezeichnet. Dass sich zunehmend auch CDU-Politiker – etwa "Atom-ist-Öko"-Erfinder Ronald Pofalla – eines ähnlichen Vokabulars bediene, zeigt, wie punktgenau die Stichwortgeber aus der Atomwirtschaft weltweit arbeiten.

Die Fakten aber sprechen eine andere Sprache: Das Öko-Institut hat berechnet, dass ein mit Uran aus Südafrika betriebenes AKW in Deutschland pro Kilowattstunde Atomstrom 126 g CO2 verursacht, vornehmlich durch den energieintensiven Uranabbau. Eine Windanlage belastet das Klima dagegen nur mit 22 g CO2. Die atomare Klimabilanz verschlechtert sich noch, da AKW nur etwa 30 % der Primärenergie in Strom umwandeln, aber rund 70 % der Energie als Wärme nutzlos an die Umwelt abgeben. Da sich die Wärme nicht auskoppeln lässt, machen sie zusätzlich Heizungen erforderlich, in der Regel mit CO2-trächtigem Öl oder Gas befeuert. Ein modernes Gaskraftwerke mit Wärmeauskopplung ist daher mit einer CO2-Emission von 119 g CO2 pro kWh Strom und einer hocheffizienten Wärmeversorgung also weitaus klimaverträglicher als ein AKW.

Atomkraft stärkt Energieabhängigkeit

Ins Reich der Legenden gehört auch die These, dass Atomkraft die Abhängigkeit von teueren Energieimporten verringere und so die Energiepreise senken könne. Atomkraft erzeugt ausschließlich Strom und ersetzt damit praktisch kein Öl und nur sehr wenig Erdgas. Dafür ist die Atomkraft selbst zu 100 Prozent vom Import von Uran abhängig. Energieunabhängigkeit ist so nicht zu erreichen, das geht nur mit erneuerbaren Energien.

Dazu kommt, dass Atomstrom keineswegs preiswert ist. Der Neubau von AKWs erfordert eine Investition von 3.500 bis 5.000 Euro pro Kilowatt, das entspricht etwa dem fünffachen Preis eines modernen Gaskraftwerks. Nicht zuletzt deshalb ist die Atomtechnologie die einzige, die 50 Jahre nach der Markteinführung immer noch hoch subventioniert werden muss.

Selbst mit Staatsgeldern sind Atomanlagen aber ein hochriskantes Investment, wie das Beispiel des finnischen EPR-Reaktors in Olkiluoto zeigt. Hier hat sich die Fertigstellung des Reaktors immer wieder verzögert und ist jetzt für 2011 vorgesehen. Dadurch entstehen Mehrkosten von mindestens 1,5 Mrd. Euro, allein 500 Mio. Euro muss wohl der Siemenskonzern übernehmen, für den das Atomprojekt zum echten Verlustbringer wird. Der gleiche Reaktortyp soll auch im französischen Flamanville errichtet werden. Auch hier gibt es nichts als Pannen und Pleiten. Ende Mai hat die Atomaufsicht den Weiterbau wegen technischer Probleme vorerst gestoppt.

Konzerne machen Kasse

Wahr ist lediglich, dass Atomstrom in alten, abgeschriebenen und mit Milliardensubventionen gepäppelten Atommeilern billig erzeugt werden kann. Das lässt sich in Deutschland gerade beobachten. Der ach so billige Atomstrom hat die Verbraucher aber nicht davor geschützt, dass  in den letzten acht Jahren die Strompreise um 50% gestiegen sind. Und er wird auch künftig die Preise nicht sinken lassen. Denn tatsächlich hängt der Strompreis maßgeblich von der Leipziger Energiebörse ab. Und hier entscheidet nicht das billigste, sondern das teuerste Kraftwerk über den Preis. Der billige Atomstrom füllt daher lediglich die Kassen der Atomkonzerne, die pro Tag und Reaktor bis zu 1 Mio. Euro Extragewinne an der Börse machen.

Daran würde auch eine Laufzeitverlängerung für alle AKWs nichts ändern. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) und das Öko-Institut haben errechnet, dass eine Verschiebung des Ausstiegs den Strompreis so gut wie nicht beeinflussen würde. Gerade einmal 12 bis 50 Cent im Monat würde ein Durchschnittshaushalt beim Strom sparen. Da bringt schon der Austausch einer einzigen 60-Watt-Glühbirne durch eine Energiesparlampe mehr Entlastung – und das ohne Unfallrisiko und Atommüll. Den AKW-Betreibern brächte eine Laufzeitverlängerung dagegen einen Zusatzgewinn von bis zu 10 Mrd. Euro pro Jahr.

Preisanstiege wegen Strommangels sind dagegen auch ohne Atomstrom nicht zu erwarten, zumal Deutschland bis heute einer der größten Netto-Exporteure von Strom in Europa ist. Besonders interessant: Im Jahr 2007 standen im Sommer zeitgleich sieben der 17 Atomreaktoren still, so dass die Atomstromerzeugung damals einbrach. Ausgerechnet in diesem Jahr wurde jedoch mit einem Notto-Überschuss von knapp 20 Terawattstunden ein Rekordergebnis beim Stromexport erzielt.

Neubewertung erforderlich

Seit dem Ausstiegsbeschluss von 2001 hat sich einiges verändert. Die Unfälle in Atomkraftwerken, von Forsmark über Brunsbüttel bis Krsko, zeigen, dass es nicht einmal in Europa Sicherheit beim Betrieb von AKWs gibt. Auch ohne Störung erhöhen AKWs das Leukämierisiko für Kinder, wie eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz belegt. Dazu kommt die wachsende Gefahr für AKWs durch gezielte Terrorangriffe aus der Luft. Weltweit hält kein einziges Atomkraftwerk einem gezielten Angriff mit einem Verkehrsflugzeug stand. In Deutschland besitzen die AKWs Biblis A und B, Phillipsburg und Brunsbüttel keinerlei Schutzhülle und sind schon durch den Absturz eines Kleinflugzeugs gefährdet.

Es gibt also gewichtige Gründe für eine Neubewertung der Atomkraft. Bei nüchterner Betrachtung kann es dabei aber nur um die Frage gehen, ob wir schneller als geplant aussteigen müssen und welche Reaktoren in Deutschland zuerst vom Netz gehen sollen. Eine Laufzeitverlängerung wäre unverantwortlich, würde nur die Atomwirtschaft nutzen und dringend erforderliche Investitionen in erneuerbare Energien und Effizienz behindern.

 

 

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