Landtag Baden-Württemberg
03.09.2009

Der Anfang ist das Wichtigste - Die Grundschule stärken!

Grüne Forderungen zur Weiterentwicklung der Grundschule

Der Anfang ist das Wichtigste - Die Grundschule stärken!

Die Grundschule leistet gute Arbeit, braucht aber bessere Rahmenbedingungen und mehr Zeit, um alle Kinder optimal zu fördern. Dazu legen die Grünen ihre Eckpunkte vor.

 

 

 

I.  Die Grundschule ist die erfolgreichste Schulart in Baden-Württemberg

 

Die Grundschule ist bildungspolitisch ausdrücklich als Schule für alle Kinder der Gesellschaft eingerichtet worden. Damit wird das Ziel verknüpft, den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft unabhängig vom Einkommen der Eltern und der sozialen Herkunft der Kinder zu stärken. Lediglich die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind bislang durch die Sonderschulpflicht vom gemeinsamen Unterricht ausgenommen. 

 

Weil die Grundschule eine Schule für (fast) alle Kinder ist, hat sie sich in besonderer Weise mit der wachsenden Heterogenität der Kinder auseinandersetzen und pädagogische Lösungen für die bestmögliche Förderung der Kinder entwickeln müssen. Seit langem hat sich die Grundschule dieser Herausforderung gestellt. Fast alle Grundschulen arbeiten mit reformpädagogischen Elementen wie Montessori-Pädagogik und Wochenarbeitsplänen, die individuelle Lernzuwächse und Lernerfolge ermöglichen. Rund 400 der 2.500 baden-württembergischen Grundschulen hatten im vergangenen Schuljahr insgesamt 821 jahrgangsübergreifende Eingangsstufen (Klasse 1 und 2) eingerichtet mit einer individuellen Verweildauer der Kinder von 1 bis 3 Jahren. Die meisten Klassen, in denen behinderte Kinder integriert sind, sind Grundschulkassen. Die Entwicklung zur "Inklusiven Schule" ist somit an den Grundschulen am weitesten fortgeschritten.

 

II.  Problemlagen der Grundschule

 

Soziale Auslese nach der vierten Klasse – bis zu 50 % falsche Empfehlungen

 

Dennoch gelingt es bis heute nicht, den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungslaufbahn eines Kindes nach der Grundschule zu entkoppeln. In der vierten Klasse hat jedes zweite Kind mit Migrationshintergrund eine Empfehlung für die Hauptschule, aber nur jedes fünfte Kind ohne Migrationshintergrund (Schuljahr 2008/09). In der neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigte sich, dass rund 30 Prozent der Kinder eine nicht ihren Begabungen entsprechende Grundschulempfehlung erhalten. Der Forschungsleiter der IGLU-Studie Prof. Bos spricht sogar von rund 50 Prozent und hält diesen Befund für verheerend für die Bildungskarrieren der Kinder.

 

Unzureichende Förderbedingungen und Auslesedruck

 

Lehrkräfte und Eltern beklagen, dass es immer noch zu große Klassen und kein spezielles Unterstützungssystem an der Grundschule gibt und deshalb Kinder mit gravierenden Lernproblemen, Entwicklungsverzögerungen und besonderem Sprachförderbedarf nicht erfolgreich genug gefördert werden können. Negativ übt sich auf die Kinder zudem der hohe Auslesedruck aus: Je schneller die "Abstimmung mit den Füssen" weg von der Hauptschule verläuft, desto gnadenloser nimmt der Auslesedruck in der 3. und 4. Klasse der Grundschule zu. Der eigenständige Bildungsauftrag der Grundschule, jedes Kind individuell entsprechend seiner Potenziale zu fördern, kann unter diesem Druck nicht bis zum Ende der Grundschule aufrecht erhalten werden. Spätestens in der vierten Klasse wird um Zehntelnoten gekämpft, und die Grundschule wird zu einer Vorsortieranstalt für das Gymnasium. 

Dass die Grundschule gestärkt werden muss, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Baden-Württemberg bei der IGLU – Studie 2006 vom bundesweiten Spitzenplatz auf Platz 8 und von der internationalen Spitzengruppe auf den 11 Rang abgerutscht ist. 

 

III.  Grüne Eckpunkte zur Stärkung des Bildungsauftrags der Grundschule

 

Das Prinzip des Bildungsauftrags der Grundschule: "Jedes Kind kann erfolgreich lernen, wenn es optimal individuell gefördert wird und seine eigene Lernfähigkeit und Lerngeschwindigkeit respektiert wird" muss endlich konsequent umgesetzt werden. Wie wichtig dieses Prinzip ist, wissen wir längst auch aus der Wissenschaft: Der Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer hat in seinen Veröffentlichungen nicht nur die Unverzichtbarkeit der Individualität des Lernens, sondern zudem auch die Unverträglichkeit von Angst und erfolgreichem Lernen klar belegt.

 

1.  Gute Lernbedingungen:  Kleine Klassen für kleine Kinder und Schulassistenten

 

Kinder im Grundschulalter benötigen entwicklungsbedingt mehr individuelle Zuwendung und damit mehr Zeit als ältere, zu mehr Selbstorganisation und Eigeninitiative fähige Schülerinnnen und Schüler an weiterführenden Schularten.

 

Nach wie vor haben aber 16,5 % der Grundschulklassen in Baden-Württemberg eine Klassenstärke von 26 bis 31 Kindern. Betroffen sind davon rund  20 Prozent der Kinder. Und die Absenkung des Klassenteilers beginnt für die Grundschule erst in zwei Jahren um jeweils einen Schüler jährlich. Außerdem gibt es eine strukturelle Benachteiligung für große Schulen. Sie müssen systembedingt aufgrund der Anwendung des Klassenteilers größere Klassen bilden und erhalten somit weniger Lehrerstunden (Beispiel: siehe Anhang).

 

Aufgrund der Anwendung des  Klassenteilers werden in problematischer Weise auch immer wieder Klassen im Verlauf der Grundschulzeit zusammengelegt. Hier sind große Schulen ebenfalls strukturell benachteiligt: Diese Praxis der Klassenzusammenlegungen zu Großklassen ist unseres Erachtens weder pädagogisch sinnvoll, noch gerecht. 

 

  • Wir Grünen fordern deshalb an der Grundschule eine Klassenstärke bis maximal 24 Kinder, um diesen individuellen Zugang auch zeitlich zu ermöglichen.

 

  • Klassenzusammenlegungen zu Großklassen dürfen während der Grundschulzeit nicht mehr erfolgen.

 

  • Die Zuweisung von Lehrerreserven soll nicht mehr nach dem Klassenteiler, sondern  pro Kopf der Schülerinnen und Schüler erfolgen, um eine gerechtere Zuweisung von Lehrerstunden zu ermöglichen. 

 

  • Unterstützend sollen an den Grundschulen ebenfalls Schulassistentinnen und Schulassistenten eingesetzt.

 

  • Muttersprachliche Lehrkräfte sollen als Tandemlehrer zur gezielten Förderung der Sprachkompetenz von Migrantenkindern eingesetzt werden. 

 

2.  Verbesserung der Diagnose und Prävention: Heilpädagogen in die Grundschule

 

Die Förderung der Schülerinnen und Schüler muss sich am individuellen Entwicklungsstand der Kinder orientieren. Dabei müssen deren motorische, sprachliche, kognitive und soziale sowie emotionale Kompetenzen beachtet werden. 

Beeinträchtigungen von Grundschulkindern in diesen lernrelevanten Bereichen erstrecken sich von Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen über Lese-Rechtschreib-Schwäche und Dyskalkulie (Rechenschwäche) bis hin zu ADHS, Autismus und der Beeinträchtigung der sozialen Handlungskompetenz. Im Moment werden Kinder mit solchen Schwierigkeiten relativ schnell an Förderschulen, Schulen für Erziehungshilfen und Sprachheilschulen aussortiert oder erleiden schulische Misserfolgserlebnisse. An den Förderschulen haben 75 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund.

 

Bei frühzeitiger Diagnostik und Umsetzung von heilpädagogischen Konzepten zur Prävention und Förderung können diese Kinder jedoch erfolgreich an den Regelschulen verbleiben. Die spezielle Förderung, die sie brauchen, kann im Rahmen des regulären Unterrichts und / oder der teilweisen Einzel- oder Kleingruppenförderung erfolgen. Heilpädagogische Förderung umfasst z.B. Psychomotorikgruppen im Rahmen des Sportunterrichts, Kommunikationsförderung zum Erwerb von sozialen Basiskompetenzen oder den Einsatz von verschiedenen Lern- und Förderprogrammen. Die Möglichkeiten der Heilpädagogik sind in der Grundschule vielfältig und notwendig.

 

Aus diesem Grund ist es erforderlich, Heilpädagogen und Heilpädagoginnen in der Grundschule einzusetzen. Staatlich anerkannte HeilpädagogInnen arbeiten mit unter-schiedlichen Methoden zur Erfassung und Dokumentation der individuellen Ausgangsbedingungen von Kindern mit Beeinträchtigungen und Förderbedarf. Sie sind vertraut mit unterschiedlichen Störungsbildern und erstellen eigene Diagnosen als Grundlage für die Entwicklung heilpädagogischer Konzepte. In der Grundschule können HeilpädagogInnen mit ihrem Fachwissen die Lehrkräfte während des Unterrichtes unterstützen, sie können Kinder einzeln oder in Kleingruppen gezielt fördern und sie unterrichtsfreien Zeiten an der Schule gestalten. Sie sind zum einen die Kooperationspartner der Lehrkräfte, zum anderen kooperieren sie mit den Eltern, der Jugendhilfe und ggf. den Fördereinrichtungen, von denen die Kinder außerhalb der Schule gefördert werden.

Der Einsatz von Heilpädagoginnen und Heilpädagogen ist auch notwendig, um die Integrationskraft der Grundschule mit Blick auf die Abschaffung der Sonderschulpflicht zu verbessern.

 

  • Wir Grünen fordern deshalb die schrittweise Einbeziehung von Heilpädagoginnen und Heilpädagogen an der Grundschule.

 

3.  Selektionsdruck verringern – der Druck muss heraus aus der Grundschule

 

Die intrinsische Lernmotivation leidet nachweislich unter dem Druck, der durch die Grundschulempfehlung auf den Kindern lastet. Es genügt schon ein kleines Leistungstief, ein Notenzehntel zu wenig – und der Übergang auf die Realschule oder das Gymnasium bleibt verwehrt. Diese enorme Stresssituation nimmt vielen Kindern  die Freude am Lernen und an der Schule. Daher muss dieser Druck aus der Grundschule herausgenommen werden. Gleichzeitig soll dem Wunsch vieler Schulen sowie den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Ausgestaltung von Lern- und Leistungsrückmeldungen Rechnung getragen werden. Ziffernnoten vergleichen nur Kinder miteinander und machen keine Aussage über den individuellen Lernverlauf- und Lernerfolg. Mit einem Lernentwicklungsbericht ist dagegen eine individuell zutreffende und differenzierte Beschreibung des Lernpotenzials und des Lernzuwachses der Schülerinnen und Schüler möglich.

 

  • Wir fordern deshalb die Abschaffung der verpflichtenden Grundschulempfehlung. 

 

  • Die Ziffernnoten in der Grundschule müssen mittelfristig durch verbale und schriftliche Entwicklungsberichte ersetzt werden. Schulen, die dies beantragen, sollen heute schon damit beginnen können.

                       

4.  Die Grundschule braucht bestens qualifizierte Lehrkräfte: Acht Semester unverzichtbar 

 

Um dem hohen Anspruch der Grundschule als Schule für alle Kinder genügen zu können, müssen auch die Lehrkräfte entsprechend gut ausgebildet werden. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass das Grundschullehramt im Gegensatz zum Sekundarstufenlehramt nur sieben statt acht Semester betragen soll.

 

  • Wir fordern, dass das neue Primarstufenlehramt auf acht Semester festgelegt wird.

 

IV. Die Finanzierung ist machbar – Umschichtung und demografische Rendite nutzen

 

Im Schuljahr 2008/09 betrug die durchschnittliche Klassengröße an Grundschulen 21,5 Schüler. Künftig soll sich die Zuweisung nicht mehr am Klassenteiler, sondern an der Zahl der Schülerinnen und Schüler orientieren (Pro-Kopf-Zuweisung). Dadurch kann die extreme Spreizung der Klassengrößen von 16 bis 30 (nach der Absenkung des Klassenteilers von 14 auf 28) vermieden und gerechtere Klassengrößen erreicht werden.

Die Schulen erhalten die Möglichkeit, entsprechend des neuen Zuweisungsmodus die Unterrichtsorganisation flexibel pädagogisch auszugestalten. Eine Mindestsockelzuweisung kann gewahrt bleiben.

 

Die Finanzierung von Schulassistenten und muttersprachlichen Tandemlehrkräften für Grundschulen mit einem hohen Anteil von besonders (sprach-)förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern sowie für den Einsatz von Heilpädagogen zur Stärkung der Integrationskraft der Grundschulen soll die demografische Rendite des Schülerrückgangs an Grundschulen genutzt werden. Bereits vom Schuljahr 2008/09 zum Schuljahr 2009/10 gehen die Schülerzahlen an den Grundschulen um 11.500 zurück. Außerdem können die Stellen aus den Grundschulförderklassen schrittweise in die Grundschule umgeschichtet werden, wenn die Integrationskraft der Grundschule durch den Ausbau der Prävention sowie die Möglichkeit der Verweildauer in der Eingangsstufe zwischen einem und drei Jahren in jahrgangs-übergreifenden Klassen ausgebaut werden.

 

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